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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Stadtplanerin erklärt So könnte Hamburgs Innenstadt gerettet werden
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Die Innenstädte Deutschlands kämpfen ums Überleben – auch in Hamburg. Wie können sie gerettet werden? Ein Gespräch mit der Stadtplanerin Julia Staron über Chancen für totgesagte Einkaufsmeilen.
Wachsende Leerstände und immer weniger Passanten – Hamburgs Innenstadt hat an Anziehungskraft verloren. Mit Ideenwettbewerben und Bürgerbefragungen sucht die Regierung nach Ideen, die das Leben zurück in die City bringen. Stadtentwicklerin Julia Staron weiß, worauf es dabei ankommt. Die gebürtige Hamburgerin arbeitet als Quartiersmanagerin auf St. Pauli und berät bundesweit Kommunen dabei, ihre Zentren und Viertel fit für die Zukunft zu machen.
t-online: Im Jahr 2024 hat Hamburg dazu aufgerufen, Ideen für eine attraktivere Innenstadt einzureichen. Ausgewählt wurden 22 Projekte, die nun gefördert werden. Eines davon hat zum Ziel, das Profil der Colonnaden zu schärfen – hier arbeiten Sie mit. Was genau machen Sie da?
Julia Staron: Den innerstädtischen Vierteln fehlt es an einer Identität. Das wollen wir in den Colonnaden ändern. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort haben wir das Profil des Quartiers herausgearbeitet. Unser Ziel ist es zu zeigen, wie man die Identität eines Viertels von innen nach außen entwickeln und stärken kann.
Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Ich habe mal einen Vortrag in Altenessen zu dem Thema gehalten. Altenessen ist ein Essener Stadtteil mit einem schlechten Image: arm, heruntergekommen, viele Bewohner mit Migrationsgeschichte, randalierende Jugendliche. Die Leute dort sagen: "Wir müssen unser Image verbessern." Ich sage: "Ihr müsst eure Identität stärken!" Wenn Leute von außerhalb sagen, der hohe Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte im Viertel sei ein Problem, dann müssen die Altessener das umdrehen und sagen: "Das ist kein Problem, das ist unsere Stärke: Es ist cool, dass wir so vielfältig sind." Hier in Hamburg macht St. Pauli vor, wie so was geht. Wir im Viertel sagen: "Ja, wir sind alle Zecken. Rümpft ruhig die Nase über uns. Das ist uns scheißegal."
Die Identität von St. Pauli ist klar: unangepasst, schmuddelig, links und stolz darauf. Welche Identität haben die Colonnaden?
Die Colonnaden haben viele Höhen und Tiefen erlebt. Immer wieder stehen Flächen leer. Dennoch ist das Quartier eine schöne, fast mediterran anmutende Fußgängerzone mit toller Gastronomie und hoher Aufenthaltsqualität. Und: Die Colonnaden sind eines der wenigen Innenstadtquartiere, in denen auch gewohnt wird. Außerdem gibt es hier keine Ketten, sondern nur kleine, individuelle Einzelhändler. In den Colonnaden wird Qualität geboten, hier wird noch viel von Hand gemacht. Und man wird persönlich beraten.
Irgendwie hat man nicht den Eindruck, dass das Innenstadtsterben gestoppt werden kann.
Der Begriff "Innenstadtsterben" klingt mir zu dramatisch. Ja, die Innenstadt wandelt sich. Alle Innenstädte wandeln sich. Auf die Austauschbarkeit von Einkaufsstraßen hat keiner mehr Bock. Das heißt nicht, dass es keinen Einzelhandel mehr geben wird. Manche Einzelhandelsformen werden bleiben, andere werden sich neu erfinden. Aber die Ketten verschwinden. Früher hatte jede klassische Einkaufspassage einen sogenannten Ankermieter: H&M, Douglas und so weiter. Die haben die Kundenfrequenz gebracht, alles andere hat sich drumherum angesiedelt und von den Strömen profitiert. Das ist heute nicht mehr so.
Was zieht Kunden heute an?
Was heute zieht, sind eher die Nahversorger, wie etwa der Supermarkt in der Spitalerstraße. Lebensmittelgeschäfte sind momentan beliebte Mieter, weil sie Laufkundschaft in die Einkaufsstraßen bringen. Ob das die Rettung ist, bezweifle ich.
Wie können wir die Innenstadt dann retten?
Ich will die Hamburger Innenstadt überhaupt nicht schlechtmachen. Sie ist eine sehr schöne Innenstadt – architektonisch und mit Nähe zur Binnenalster. Aber ich finde, dass die Hamburger Innenstadt kaum Aufenthaltsqualität bietet. Wir haben keine schönen Plätze und keine attraktive Außengastronomie, in der ich im Sommer einfach sitzen und das Treiben beobachten könnte. An den Arkaden und den Fleeten gibt es ein paar besondere Lokale. Die sind aber meist knüppelvoll.
Was zeichnet die perfekte Innenstadt sonst noch aus?
In der Innenstadt meiner Träume wird nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt. Sie ist hervorragend erreichbar mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und verkehrsberuhigt. Es gibt keine Autos dort. Fahrräder sind okay. Aber ich möchte vor allem Fußgänger sehen. Ich wünsche mir vielfältige Gastronomie und viele Plätze, an denen ich verweilen und aufs Wasser schauen kann. Und ich wünsche mir eine tolle Bibliothek und einen guten Mix aus Kulturangeboten – von Subkultur bis prächtiger Hochkultur. Shoppen sollte auch möglich sein, aber vor allem in kleinen, einzigartigen Manufakturen. Außerdem gibt es keine touristischen Hotspots mehr. Stattdessen wird alles, was die Stadt bietet, gleichermaßen von Einheimischen und Gästen genutzt.
Wie lässt sich diese Vision verwirklichen?
Für Hamburg und alle anderen Innenstädte wünsche ich mir mehr Mut. Wir müssen die Angst verlieren vor dem Wandel und den Herausforderungen, die er mit sich bringt: Die Mobilitätswende tut weh, weil Straßen aufgerissen werden. Die Umnutzung von Flächen tut weh, weil zunächst Leerstände entstehen. Transformation ist anstrengend und nervig – aber vor allem birgt sie Chancen. Es kann nur besser werden.
- Eigene Recherchen